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Get Into Character
Directed by Jared Gradinger
Produced by Pictoplasma
Premiered in Haus der Berliner Festspiele 2006 Pictoplasma Conference

Pictoplasma Performance Portfolio

Trailer

Pictoplasma

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Charaktervolle Anhänger richtiger Lebenskunst

Von Andreas Platthaus
F.A.Z., 17.10.2006, Nr. 241 / Seite 46

Als Rebekka aus dem völlig überfüllten Saal im Haus der Berliner Festspiele tritt, hat sie eine Bierflasche in der Hand. Aber das fällt kaum weiter auf, denn Rebekka ist ein Wesen, dessen ganzer Körper aus schwarzen Plastikschlaufen besteht, durch die am Kopf zwei weiße Kulleraugen durchschimmern. In Rebekka steckt eine Tänzerin, und sie hat gerade eine Stunde lang im Scheinwerferlicht ihre Plastikschlaufen geschüttelt, sie ist gesprungen, hat sich auf dem Boden gewälzt und getanzt - zusammen mit einem halben Dutzend Kollegen in ähnlichen Kostümen aus Kunststoff, Plüsch, Pappmaché und Textilien. Es muß unsagbar heiß gewesen sein, und doch führt die Akteurin die Rolle von Rebekka konsequent weiter und verbirgt die Flasche in dem Wust aus Schlaufen, damit niemand sieht, daß sie ihren höchst menschlichen Durst zu löschen hat.

„Get Into Character“ heißt die einstündige Vorstellung, die Rebekka zusammen mit ihren Mitstreitern Gordo, Boy, Fred, Jean, Bimbo und den drei Petits Bonhommes absolviert hat: frei übersetzt, „Schlüpf in die Rolle“ oder auch „Beschäftige dich mit Figuren“ - die Doppeldeutigkeit ist durchaus erwünscht. Die Vorstellung ist Höhepunkt und Abschluß der zweiten Pictoplasma-Konferenz, die vier Tage lang Berlin zum Mekka eines Berufszweigs gemacht hat, der sich mit der Entwicklung von Figuren befaßt. Eine genaue Bezeichnung für diese Beschäftigung gibt es nicht, sie wird ausgeübt von Trickfilmern und Werbegraphikern, von bildenden Künstlern und Programmierern, von Designern und Ausstellungsmachern. Pictoplasma, eine 1999 in Berlin gegründete Gruppe von Illustratoren, hat sich zum Ziel gesetzt, dieser disparaten Gemeinschaft ein Forum zu geben - um all die neuen Figuren vorzustellen, die durch Internet, Film, Plakat und Fernsehen in unser Leben treten.

Berlin hat das Ereignis nicht recht bemerkt
Zu diesem Zweck gibt Pictoplasma Bücher heraus, in denen sich Figurenentwürfe aus aller Welt finden. Es gibt eine DVD mit Kurzfilmen, die neue Figuren vorstellen, man organisiert Ausstellungen und seit zwei Jahren auch die Pictoplasma-Konferenz, zu der diesmal rund tausend Teilnehmer angereist sind, die wenigsten davon aus Deutschland. Pictoplasma genießt in Amerika und Asien größere Bekanntheit als in der Heimat, und Berlin hat in seiner ästhetischen Selbstverliebtheit einmal mehr nicht recht bemerkt, was für ein Ereignis sich da abgespielt hat. Aber Rebekka und all die anderen Figuren sind auch nicht so vehement ins Stadtbild eingedrungen, wie man das erhoffen mochte.

Vielleicht hat man sich zu sehr auf die Vorführung konzentriert und dabei den Grundgedanken des ganzen Vorhabens „Get Into Character“, das auch der Konferenz den Namen gab, ein wenig aus den Augen verloren. Denn ursprünglich war vorgesehen, die Grenzen zwischen der wirklichen Welt der Menschen und der virtuellen Welt der Figuren einzureißen. Im Winter 2006 wurde auf der Homepage von Pictoplasma ein „Waisenhaus“ eröffnet: Auf wie Ultraschallaufnahmen gestalteten Bildern waren noch ungeborene Figuren zu sehen, die von Interessenten für jeweils dreihundert Euro adoptiert werden konnten, um dann als reale Wesen aufzutreten. Rebekka, Gordo und die anderen fanden solche Adoptiveltern, und im Mai trafen sich die Figuren zum ersten Mal in Halle beim Festival „Comic Meets Theater“, um in öffentlichen Proben gemeinsam an der Choreographie für ihren Berliner Auftritt zu arbeiten.

Als wären Außerirdische eingefallen

Dort aber führten die neugeborenen Charaktere auch ein Leben neben der Bühne. In Halle-Neustadt, einem Plattenbaugebiet, bezogen sie gemeinsam mit dem englischen Choreographen Jared Gradinger eine Wohnung. Der Gedanke, die Figuren ins Leben zu überführen, wurde ernst genommen: Gradinger und seine fünf Akteure versuchten in ihren Kostümen vor laufenden Kameras mit den Unwägbarkeiten einer Lebenswelt auszukommen, die nicht für Wesen mit überlangen Armen und kurzen Beinen wie Gordo, für Wesen ohne Arme wie die Petits Bonhommes oder eben für Wesen, die nur aus einem Gewirr aus Plastikschlaufen bestehen wie Rebekka, Fred und Jean, gedacht ist. Was ihre Erfinder - Gordo ist von der argentinischen Designgruppe Doma entwickelt worden, die Petits Bonhommes von Akinori Oishi aus Tokio, Rebekka, Fred und Jean stammen von Geneviève Gauckler aus Paris - sich auf dem Papier ausgedacht hatten, erwies sich im Alltag als schwer umsetzbar. Und genau diese Frage interessiert Pictoplasma.

In den Folgemonaten wurden die Figuren in die Innenstädte zahlreicher Metropolen geschickt, an Strände, in Freizeitzentren, Konzernzentralen, Sportstätten. Es war, als wären Außerirdische eingefallen. Es gab neue Figuren: Helper etwa, vom Deutschen Tim Biskup als wandelnder einäugiger Baumstamm gestaltet, und auch Bimbo war dazugekommen, ein Entwurf von Boris Hoppek aus Barcelona, der einen riesigen schwarzen Mann mit roten Wulstlippen und weißumrandeten Augen konzipiert hat. In den Vereinigten Staaten löste Hoppeks Spiel mit Klischees mancherlei Verwirrung aus. Aber da auch das amerikanische Starduo „Friends With You“ zwei Figuren (Boy und Rainbow Tree) für die Pictoplasma-Aktionen zur Verfügung gestellt hatte, fand „Get Into Character“ bei seinen öffentlichen Vorführungen in New York große Resonanz.

Dagegen wirkten die Superstars der Figurenszene alt
Alle Schöpfer der Figuren kamen nun auch nach Berlin, und die meisten boten Präsentationen ihrer Arbeit an. Die Breite der Interessen von Characterdesignern, wie man sie nennen könnte, ist erstaunlich, aber ihre Figuren verlangen ja nach multimedialem Einsatz, denn sie sollen in der Regel kommerzielle Zwecke erfüllen. Dadurch jedoch ist die Gemeinschaft, die sich bei Pictoplasma versammelt hat, ungleich offener und neugieriger als andere Gruppen mit einseitiger Ausrichtung. Im Haus der Berliner Festspiele trafen sich Animationsliebhaber und Comiczeichner, Schauspieler und Tänzer, Galeristen und Kunststudenten, und anders als auf den jeweiligen Salons, Messen oder Kongressen der einzelnen Kreise ging es vor allem um das Lernen von anderen Disziplinen.

Natürlich gibt es auch hier die Gefahr von Hybris. „Friends With You“ etwa, die spätestens seit ihren Installationen auf der Kunstmesse ArtBasel in Miami auch höchste ästhetische Weihen genießen, legten einen selbstverliebten Auftritt in weißen Anzügen und Fellmasken hin, der nicht viel mehr bot als eine wenig inspirierende Abfolge von Filmchen über frühere Aktionen. Nachdem unmittelbar davor der junge französische Künstler Mehdi Hercberg alias Shoboshobo eine witzsprühende Präsentation abgehalten hatte, wirkten die Superstars der Figurenszene reichlich alt. Trotzdem wurden „Friends With You“ gefeiert, und als sie danach demaskiert als bärtige, leicht übergewichtige Endzwanziger an ihren Signiertisch traten, hatte die blinde Begeisterung des Publikums doch etwas von einem Popstar-Phänomen.

Zwischen Etabliertheit und Infantilität
Denn das ist das Bemerkenswerte an dieser Szene: Obwohl es sich meist um durchaus etablierte Künstler, Graphiker oder Programmierer handelt, die nicht schlecht verdienen dürften, wenn sie sich die Anreise von überall auf der Welt nach Berlin und die Konferenzgebühr leisten können, kultiviert diese Gruppe ein Jugendlichkeitsideal, das seinen Ausdruck nicht zuletzt in infantiler Freude findet. Wie die einzelnen Figuren umlagert waren, damit man sich gegenseitig Arm in Arm mit einem der Plüschungeheuer aufnehmen konnte, das hatte mehr von Disneyland als von einer durchaus anspruchsvollen Konferenz, und wer auf der Abschlußparty der Veranstaltung die nicht abreißen wollende Reihe von Karaokesängern sah, die sich eine der zahlreichen, von den Veranstaltern vorbereiteten Masken überstülpten und zusammen mit den dort tanzenden Figuren auf die Bühne drängten, der konnte sich ein neues Berufsbild vom Characterdesigner machen: als Kindkünstler.

Doch das ist Stilisierung, denn man konnte den Präsentationen anmerken, was für harte Arbeit hinter den Figuren steckt. Jared Gradinger hat dieses Prinzip der vorgetäuschten Leichtigkeit zum Leitbild seiner Choreographien erhoben. In Halle hatte man noch die stundenlangen Versuche beobachten können, Rebekka, Fred und Jean das Rascheln mit ihren Plastikschlaufen durch leichtes Schütteln beizubringen. Nun standen sie in Berlin auf der Bühne, und die minimalen Bewegungen brachten Geräusche hervor, die das Publikum zu größter Konzentration zwangen - für einige Minuten war keine Spur mehr von der sonst lauten Lebensfreude der Konferenz zu finden, es herrschte stille Faszination für die Präsenz eines in die Wirklichkeit überführten Phantasieprodukts. Das ist der Traum aller Teilnehmer, und als sich die Lebendigkeit der kostümierten Tänzer steigerte, als Gordo seine endlosen roten Arme schlenkerte, Boy mit seinen gummiartigen Gliedern von den anderen verrenkt wurde, die Petits Bonhommes ihre gespenstischen Auftritte absolvierten und das alles zu immer heftigerer Rockmusik erfolgte, da wurden die Konferenzteilnehmer tatsächlich zu Kindern - zu einer fassungslos staunenden und jubelnden Menge, die endlich einmal die Schwerelosigkeit ihrer eigenen Geschöpfe verkörpert sah.

Nach außen brachen die Figuren zu selten auf
Damit konnten all die Filmvorführungen, Diskussionen und Präsentationen, die zuvor während dreier Konferenztage geboten worden waren, nicht mithalten. Aber nach außen, in die Stadt brachen die Figuren dann doch zu selten auf. Zum Auftakt des Ganzen sah man sie beim „Character Walk“ durch mehr als zwanzig Galerien in Berlin-Mitte, die ihre Räume für die Figurendesigner zur Verfügung gestellt hatten, aber obwohl einige dieser Ausstellungen für die Dauer der Konferenz geöffnet bleiben sollten, stand man später oft vor verschlossenen Türen, und selbst die „Central Station“ dieses Teils der Veranstaltung war im Regelfall unbesetzt.

So bleibt Berlin von der Invasion der Monster bedauerlicherweise verschont, was aber wiederum der Intimität der großen Konferenz nutzte. Die Kreativen blieben hier unter sich, und sie feierten sich jeweils bis tief in die Nacht. Wer noch nicht die gigantische Kartoffel des jungen niederländischen Charakterdesigners Wayne Horse gesehen hat, die in Schuhen, die selbst wiederum als eigenständige Lebewesen gestaltet sind, und mit Nike-Stirnband zur Karaokebühne stürmte, um dort unartikuliert einen Discothekenstampfer zu grölen, der weiß nicht, was er verpaßt hat. In zwei Jahren kann Berlin es bei der dritten Pictoplasma-Konferenz dann nachholen.

Created and Performed by
Yeri Anarika Vargas Sanchez
Knut Berger
Diane Busuttil
Claudia de Serpa Soares
Lisa Densem
Jill Emerson
Nicola Mascia
Grayson Millwood
Hanayo Nakajima
Tenko Nakajima
Angela Schubot
Thomas Schutt
Laurie Young
Sampson Zaharkiv

Costume Designers
Anna Sun Barthold
Rebekka Dornhege
Florence von Gerkan
Marie Gerstenberger
Hanna Hollmann
Clemens Hollmann
Lisa Kentner
Anna Leidenberger
Malena Modéer
Sayyora Muinova
Ulrike Plehn
Bernd Skodzig
Lea Søvsø
Hans Thiemann
Vivien Waneck
Yassu Yabara

Character Designers

Doma
Friends With You
Geneviève Gauckler
Derrick Hodgson
Boris Hoppek
Akinori Oishi

Character Care

Pictoplasma

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